Angstzustände beim Essen

Beatrix

Angstzustände beim Essen

Beitragvon Beatrix » Mo 5. Nov 2018, 12:15

Es fing schon vor über 20 Jahren an. Die Probleme beim Essen. Heute hat sich zwar einiges gebessert, aber noch immer schaffe ich es nicht in einem weit entfernten Restaurant, auf dem Berg, auf dem Meer oder an einem mir fremden Ort zu essen.
Früher hatte ich Phasen, wo ich von einem Tag auf dem Anderen nichts mehr essen konnte. Wenn ich etwas schluckte, fühlte ich mich dumpf und seltsame Gefühle kamen hoch. Dann wurde alles eng und ich bekam keine Luft mehr und ich hatte nur noch Herzklopfen. So ging es oft mehrere Wochen lang und ich lag dann kraftlos im Bett, allein in meiner Wohnung und zwang mich täglich wenigstens 2 Löffel Brühe zu essen oder mal ein Brot. Dann überwand ich mich und schluckte und überwand irgendwie meine Angst Attacke, sodass ich nicht verhungerte.
Ich weis noch, dass es mal 4 Jahre gegeben hat, wo ich nur bis 2 h Nachmittags essen konnte. Ab 14 h blieb der Magen leer, was zur Folge hatte, dass ich total abnahm und auch nervlich ein Wrack war. Hilfe suchte ich nie. Ich habe mich geschämt.
Als ich meine Angst Attacken durch das 14h Abkommen abstelle konnte, versuchte ich ordentlich zu frühstücken und stopfte mich bis 14 h voll. Dann gabs den ganzen Tag nix mehr, auch wenn ich Hunger hatte. Ich hatte zu viel Angst vor der Beklemmung. Irgendwann dachte ich, ich muss abends wieder essen können, denn ich fühlte mich den ganzen Tag nur schwach.
Ich weis noch, wie ich dann nach 4 Jahren erstmals wieder beim Chinesen in meiner Nachbarschaft gesessen bin, ein Freund bei mir und längere Zeit den vollen Teller angestarrt habe. Ich hatte wahnsinnige Angst zu essen. Als ich es nicht schaffte, etwas zu essen, denn die Nacht schien mir mit ihrer Dunkelheit zu bedrohlich und ich fühlte mich ihr innerlich total ausgeliefert, wenn ich gegessen hätte. So liess ich mir den Teller einpacken und aß ihn erst am nächsten Morgen. Ich versuchte die Phobie mit Bachblüten wegzubekommen und es half auch nix. Allein die Vorstellung nachts zu essen, machte mich fertig. Irgendwann traf ich eine Heilerin und die braute mir eine Tinktur zusammen, die ich tagsüber einnahm. Die Angst linderte sich etwas und zusammen mit einem starken Beruhigungsmittel schaffte ich es dann nach Monaten, das erste Mal beim Chinesen Abend zu essen. Es gab Tofu mit Reis und Salat.
Draussen war es dunkel und ich fühlte mich wie im Grab, die Angst kam.
Trotzdem würgte ich den Teller hinunter und dann kam wie schon erwartet, das Beklemmungsgefühl, dann das Herzklopfen. Ich konnte nicht mehr klar denken und ich hatte das Gefühl, dass mich Energien, die vom Boden hoch kommen, packen und meine Seele verschlingen.
Hastig stand ich auf, ich wusste nicht wohin, denn ich dachte ich wäre jetzt innerlich zerstört worden... Bilder und Stimmen, als Visionen erkannt, meldeten sich und ich dachte, der Sog erdrückt mich und ich bin nicht mehr frei. Ich wollte nur einmal durchatmen können und versteifte mich darauf. Das wurde dann immer qualvoller. So steckte ich in der Toilette des Restaurants und war einer Panikattacke nahe. Als ich nicht mehr wusste wie ich aus dem Kreis raus soll, kam endlich der ersehnte Atemzug... Ich hatte zumindest gelernt, nicht hyper zu ventilieren. Als ich wieder ruhig atmen konnte, ging ich zu dem Tisch zurück und aß nichts mehr. Dennoch war der Bann aufgehoben und ich konnte künftig abends wieder essen.
Solche Erlebnisse wie dieses, verleideten mir das Essen ganz und darum kam es immer wieder zu Hungerattacken, oft mehreren Wochen lang, wo ich nur eine Semmel am Tag hinunterwürgte. Als die Schwäche zu gross wurde, stand ich nicht mehr vom Bett auf und blieb oft Wochenlang liegen. Am Ende einer solchen Attacke ging ich erstmals wieder einkaufen und aaß meist Erdbeeren, stolz auf mich, gesiegt zu haben.
Zum Arzt ging ich nicht und andere Leute wussten nichts von meiner Störung, denn ich schämte mich dafür...
Oft musste ich nur einen Bissen von einer Nahrung essen, die ich als bedrohlich einstufte, zB Kaffee oder Alkohol, Fleisch, Nüsse... dann fing das dumpfe Gefühl im Kopf wieder an und ich bekam Unruhegefühle, dann keine Luft mehr, Herzklopfen. Einmal, ich weis noch, habe ich Gulasch gegessen, das ein Freund gekocht hat und das war bevor ich vegan wurde, dann erlitt ich regelrecht einen psychischen Kollaps. Während ich keine Luft bekam und das Herzklopfen immer stärker wurde, ich nicht mehr wusste, wohin ich innerlich sollte, kamen furchtbare Bilder über Massentierhaltung und Tötung in mir hoch. Ich sah den Kopf der toten Kuh in meinem Magen liegen, ich dachte ich muss Sterben. Ich sperrte mich im Zimmer ein und irgendwann nach 10 Minuten war der Anfall vorbei, weil ich wieder durch atmen konnte. Ab da aß ich kein Fleisch mehr, genauso wie ich keine Nüsse, keinen Kaffee, keinen Alkohol mehr trank.
Ich lernte abgemagert bis zu den Knochen und seelisch schwach, meinen Mann kennen. Ich vertraute mich ihm nicht an. Aber er kochte mir immer liebevoll die Gerichte, die mir schmeckten. Erst mittags, dann sogar abends. Ich lernte zu Hause wieder essen.
Im Lokal brachte ich allerdings keinen Bissen hinunter und konnte auch bei Freunden nix essen. Manchmal ging es doch, aber das hing von meinem Mut ab. Als wir eine Schiffsreise über das Meer machten, es dauerte 12 Stunden, konnte ich da nichts essen. Im Flugzeug überhaupt nicht. Auf dem Berg fastete ich auch. Ich schaffte es einfach da nicht, etwas zu essen.
Noch heute kann ich nur zuhause essen und da aber den ganzen Tag, auch abends gut.
Im benachbarten Restaurant geht es auch noch. Auch bei Freunden.
Wenn es aber in einer grossen Stadt ist, auf dem Berg, auf dem Meer, auf der Raststätte, oder im Auto auf einer fahrt, kann ich das nicht.
So muss ich hungern. Ich war nie beim Arzt weil ich mich schäme. Aber ich kann im Grossen und ganzen mit meiner Essstörung jetzt leben.





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