Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

kenzy

Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon kenzy » Di 2. Mai 2017, 12:21

Heute hat meine Therapeutin bzgl. meiner Krankheits- und Todesängste gemeint, ich solle mir die ganze geschichte durchdenken. also bis zu meinem tod mit allem drum und dran. denn dann würd ich die unvermeidbarkeit des todes akzeptieren lernen und die angst wär (zmdst fürs erste) verflogen. was haltet ihr davon?

kian

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon kian » Sa 6. Mai 2017, 12:03

Hallo,

bin zwar keine Therapeutin und war auch nie bei einer, aber ich habe es ähnlich gemacht und es hat funktioniert. Früher bin ich noch nicht einmal zu einer Beerdigung gegangen, schon der Gedanke daran, dass da jemand tot in einem Sarg liegt war für mich Grund genug das sein zu lassen. Irgendwann MUSSTE ich mich zwangsläufig mit dem Thema Tod auseinandersetzen, weil ich jobmäßig nicht da herum kam und ich nicht mehr weglaufen konnte.

Ich denke, dass man nur bis an das eigene Lebenende denken sollte, sondern es gehört vorallem das Überdenken des jetzigen Lebens dazu. Es kommen ja viele Faktoren dazu, warum die einen solche Angst haben und die anderen nicht. Für mich spielt auch die innere Unzufriedenheit eine Rolle und das Gefühl im Hier und Jetzt nicht "richtig" zu leben und kein Ziel zu haben. Menschen, die für sich ein zufriedenes Leben geführt haben, haben viel weniger Angst vor dem Tod. Sie können loslassen und gieren nicht nach dem Leben, weil es vielleicht doch noch die eine oder andere schöne Überraschung bereit hält.

Dazu ist diese Angst vor dem Tod ja etwas, was nicht greifbar ist, man kann nicht das bekämpfen was man nicht kennt.

Als ich meinen ersten Sterbefall hautnah erlebt habe, bin ich fast in Ohnmacht gefallen und hatte tagelang Alpträume. Ich hatte dann ein Gespräch, wo mir jemand sagte, dass ich dankbar für diese Erfahrung sein sollte, was ich als absolut unmöglich empfand. Aber er hatte Recht. Denn in dieser Situation habe ich das Leben so sehr gespürt wie noch nie zuvor und hätte nie erlebt wie unausweichlich der Tod ist. Dann bekam ich noch ein Buch über den Tod geschenkt, was ich erst einmal an die Seite gelegt habe. Es war mit einfach zuviel aufeinmal, aber ich habe es später gelesen..

U.a. habe ich mit dem Akzeptieren die Angst vor dem Tod verloren und auch erfolgreich den Kampf gegen meine PA`s aufgenommen. Ich hatte einfach keine Angst mehr während einer PA tot umzufallen und habe es drauf ankommen lassen.

Nach dem Ganzen habe ich sogar ein Testament verfasst, damit für alles gesorgt ist, wenn ich mal gehen muss. Ich habe meinem Mann gesagt wo es ist und gleich die Versicherungsscheine dabeigelegt. ;) Natürlich hat mein Mann gegrinst, aber es ist für mich eine Vorsorge, die mich ruhiger schlafen läßt. Damit habe ich alles erledigt , für Sicherheit gesorgt und kann mich beruhigt dem Leben zuwenden.

Das Zitat von W. Allen " Nicht, dass ich Angst vor dem Sterben hätte, ich möchte einfach nicht dabei sein, wenn es passiert" funktioniert leider nicht und deshalb finde es es gut, dass man sich zu Lebzeiten damit beschäftigt. Der Tod gehört zum Leben dazu und ich lebe seitdem sehr viel bewußter.

Ich finde diesen Gedanken Deine Therapeutin deshalb nicht verkehrt, aber es kann natürlich sein, dass es Dir erst einmal schlechter geht. Aber im Enddefekt kannst Du viel gewinnen.

Das sind meine Gedanken dazu..

capi

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon capi » Sa 13. Mai 2017, 20:26

Hallo kenzy,

ich halte nicht viel davon. Deine Therapeutin beweist eigentlich, dass sie vom Thema nicht viel begriffen hat.
Wie stellt sie sich das vor? Einmal durchdenken und hurra, die Angst ist verschwunden?
Solche Reifungsprozesse dauern oft ein ganzes Leben.

Ich denke, das eigentliche Problem ist dein Aufmerksamkeitsfokus. Stell dir vor, du läufst bei stockdunkler Nacht mit einer Taschenlampe durch den Wald und kannst nicht davon lassen ein ganz bestimmten Punkt immer wieder anzuleuchten. Du siehst dann eben nur das und nichts anderes.

Dein Job wäre meines Erachtens, dass du versuchst deine hauptsächliche Aufmerksamkeit anderen Aspekten des Lebens zu widmen.

Den Tod kann man schließlich auch nicht durch Dauerdenken und -analysieren aus der Welt schaffen.

Gruß capi

kirsche

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon kirsche » Mi 17. Mai 2017, 19:20

Hallo kenzy,

ich finde das nicht schlecht.

Es geht ja darum, sich nicht mehr ständig mit diesen Horrorvisionen des eigenen Sterbens zu quälen....

Ich hatte das auch eine zeitlang ganz schlimm, und habe es auch mal so probiert. ( Auf die Idee bin ich selber gekommen, meine Therapeutin würde mir sowas nie vorschlagen :lol: )



Ich habe geregelt, was ich regeln kann, und alles andere liegt nicht in meiner Hand.

Das Wichtigste, was ich meinem Sohn hinterlassen kann, wenn ich mal gehen muß ( hoffentlich erst wenn er mal groß ist...), ist Liebe , Liebe und nochmals Liebe, und Selbstbewußtsein

Das ist die beste Lebensversicherung für Hinterbliebene.

capi

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon capi » So 21. Mai 2017, 21:27

das meine ich ja mit Wechsel der Aufmerksamkeit.
Das Starren auf dem Tod, wie das Kaninchen auf der Schlange, verhindert ja eben auch grade Reifungsprozesse.

Wie nimmt man dem Tod seine Faszination?
Vielleicht indem man für bestimmte Zeit in einem Hospiz arbeitet.
Das wäre die krasseste Form von aphobischem Verhalten.

fii

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon fii » Fr 26. Mai 2017, 09:42

Ich denke, da ist was wahres dran.

Ich finde das, was die Thera da sagt schon schlüssig. Ab einem bestimmten Punkt hört man nämlich auf weiter zu denken, weil die Angst so groß ist, die sich dann einstellt. Das WAS WÄRE WENN mal zuende zu denken, also über einen gewissen Punkt weiter zu gehen, kann sicher nicht schaden.

Anstatt soviel Angst davor zu entwickeln, könnte man ja auch das Bewußtsein entwickeln, ja, das ist irgendwann mal so und zu der Erkenntnis gelangen, wo manche Defizite wirklich sind. Sie sind sicher eher im Leben zu suchen. Denn Angst vor dem Tod, ist auch immer Angst vor dem Leben.

Daher stimme ich den Ausführungen von kian voll und ganz zu.

Ich kenne das sehr gut von meinem Denken her, das macht mir soviel Angst, wenn ich darüber nachdenke, dass auch Gedanken auftauchen: Ne, das kann nicht jetzt schon sein, oder morgen, oder nächste Woche...Du hast ja noch gar nicht richtig gelebt.

Ich glaube auch, der Schlüssel liegt da eher eben im Leben und der eigenen Lebensführung, dem Sinn oder Unsinn, welchen man für sich entdecken muss, einer gewissen eigenen "Planlosigkeit" und gefühlter Hilflosigkeit im Leben, auch etwas nicht kontrollieren zu können.

Im Grunde genommen sagst Du capi ja nichts anderes mit Deiner Taschenlampe. Der Focus ist das Leben selbst, nicht die Angst vor dem Ende.

Trine

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon Trine » So 28. Mai 2017, 20:07

Hallo kenzy, ich finde auch, deine Psychologin ist eine kluge
Frau. Alles einmal zuende zu denken bedeutet jetzt nicht, sofort deine Angst los zu werden. Aber ich denke, es relativiert sich doch einiges
und die Dinge, die einem Angst machen, werden kleiner.

Gruß
Trine

kian

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon kian » Mi 31. Mai 2017, 20:05

So sehe ich das auch.

Es geht nicht darum den Blickwinkel auf den Tod zu fokussieren, sondern ihn als feststehende Tatsache zu akzeptieren, ein Stück weit den Schrecken davor zu nehmen, ihn zu relativieren und das Thema eben nicht als Tabu wie die Pest zu meiden. Was genau macht diese Angst aus, was habe ich zu befürchten, warum habe ich Angst vor dem Sterben...
Sehr viel schlimmer sind die ewigen Gedanken darum, dass man sterben könnte und die ewige Angst vor dem Tod, anstatt sich damit auseinander zu setzen und die Angst davor näher zu betrachten. Das Schlimmste was man tun kann ist im Prinzip sich einfach mit anderen Dingen abzulenken und zu versuchen das zu übertünchen, anstatt das an der Wurzel zu packen.

Ich bin mir sicher, dass es mit eine Rolle spielt wie man lebt und wie man das Leben an sich sieht. Es geht darum zu schauen warum man sein Leben voller Angst vor dem Tod belastet und einfach mal schaut was eigentlich tatsächlich dahinter steckt. Denn wohl niemand erwartet ewig zu leben, jedenfalls nicht in diesem Leben ;) und trotzdem möchte man dieses Thema umgehen, bis hin zur Panik davor.

Ich finde den Ansatz der Therapeutin deshalb gut und richtig, wenn auch riskant, denn es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es gerade bei Patienten, die Angst vor dem Tod haben, kein Zuckerlecken sein wird. Es ist auf der anderen Seite jedoch, meiner Meinung nach, die einzige Möglichkeit dahinter zu schauen...

In meinem Fall habe ich den Schrecken verloren, wenn auch nicht ganz freiwillig. Natürlich möchte ich gerne noch lange weiterleben, aber ich kann auch sagen, wenn es zu Ende geht, dann habe ich all das getan was ich tun wollte und muss keine Angst haben, dass ich was verpasst habe, ich vom Leben beschissen wurde, sondern ich bin dankbar für jeden Tag. Und wenn ich schaue, dass es Menschen gibt, die noch nicht einmal so alt wie ich geworden sind, dann bin ich umso dankbarer.

Violette

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon Violette » Sa 3. Jun 2017, 14:54

Hallo zusammen,

auf die Gefahr hin, dass ich einige langweile, die mich schon länger kennen und damit diese Geschichte auch kennen:

In meiner schwärzesten Phase, als es mir mehr als mies ging (Herzphobie) überredete mich meine Freundin zu ihr zu kommen. Ich schleppte mich dahin, die Zugfahrt war die Hölle, ich lag dort morgens ewig lange im Bett, blutdruckmessend, katastrophal hohe Werte, ich war völlig am Ende.

Ihr Schwager ist Psychotherapeut kam, schickte die Freundin und ihre Kinder weg und sagte mir, er werde mir helfen, aber es würde hart werden :shock: Er ist übrigens Körpertherapeut u.a....Er sagte, er werde eine Panikattacke / Herzattacke provozieren und mir zeigen, dass und wie die Symptome verschwinden ohne dass ich sterbe. Zu der Zeit hatte ich einen Ruhepuls von 130 und einen Blutdruck von 160:100 ca.

Also, er provozierte bei mir eine Panikattacke innerhalb von Minuten, indem er meinen Brustkorb auf spezielle Art zusammenquetschte, ich heulte wie ein Schlosshund, er möge aufhören, was er nicht tat . Dann kam der übliche Verlauf einer Panikattacke, während derer er mir ruhig und liebevoll erklärte, was passiert und wie es besser wird.
Danach war ich erschöpft, wurde aber ruhiger und ruhiger.

Er sagte mir, dass hätte ein "Herzpatient" wohl kaum überstanden.
Hört sich brutal an, aber es war meine letzte schlimme Panikattacke :???:

Ein weiterer Tip von ihm: Ich solle, wenn ich in Panik wäre und Todesangst hätte, mich aufs Sofa legen zum sterben :shock: Und es hört sich logisch an: Er sagte, leg Dich hin, sag Dir, wenn das Deine letzte Minute ist, dann kannst Du es jetzt nicht mehr ändern, begebe Dich in den Tod. Nur so kannst du Dein Unterbewusstsein überzeugen: Du nimmst den Tod an, Du akzeptierst ihn, Du wehrst Dich nicht, aber er kommt nicht.

Ich weiss, dass es sich abenteuerlich anhört, schwer umzusetzen ist, aber alleine dieses Verständnis hilft mir irgendwie.

Wir wissen alle, dass wir nicht unsterblich sind, das wollen wir auch nicht, aber wir wollen lange leben und dieses Leben auch so nutzen, dass es sich gelohnt hat :)

LG
Viola

Alex

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon Alex » Di 6. Jun 2017, 10:48

Ich hatte und habe auch Angst vor dem Tod aber seit ich vor ein paar Wochen 2 Vollnarkosen hatte, habe ich nicht mehr so eine große Angst davor.
Denn ich denke oder ich stelle mir den Tod vor wie eben diese Vollnarkosen nur das man eben hinterher nicht wieder aufwacht. Davor hatte ich wahnsinnige Angst aber man merkt dann ja nichts mehr davon,kein Kampf nichts.
Dieses langsame Einschlafen und an nichts mehr denken können ist ansich ein schönes Gefühl,denn alles ist leicht und irgendwie egal.Also wenn der Tod so ist,ist es nichts schlimmes. Hört sich jetzt vielleicht verwirrend an aber ich kann das nicht besser erklären.

kenzy

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon kenzy » Do 8. Jun 2017, 10:24

danke für eure antworten :)
und ja, meine therapeutin ist eine kluge frau. ich fühl mich auch sehr wohl bei ihr!
@ capi: sie meinte nicht, dass ich mich dann nur mehr aufs sterben konzentriere, sondern eher, dass die sache dann abgeschlossen ist und ich dann sag "gut, jetzt bin ich gestorben. und jetzt mach ich was anderes".
ich habs noch nicht ausprobiert, weil ich im moment zwar immer eine gewisse angst, an als erkrankt zu sein, mitlaufen hab, aber ich bin grad bei meinem besten freund und die abwechslung tut mir gut :)

capi

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon capi » Di 13. Jun 2017, 11:26

naja Kenzy, das Thema ist leider nie abgeschlossen, jedenfalls nicht solange du lebst.

Problem ist ja eben, dass man sich schwierig sinnvoll damit auseinandersetzen kann, wenn man so stark zu Ängsten und Zwängen neigt.

Alex

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon Alex » Di 20. Jun 2017, 09:36

Aber ich denke das man das wenn man sich damit befasst vielleicht auf einen Level runterfahren kann das man da gut mit Leben kann.

capi

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon capi » Fr 23. Jun 2017, 21:54

mag sein, Alex. Ich halt's eher für unwahrscheinlich.
Kenzy grübelt ja vermutlich dauernd drüber nach.

Meiner Ansicht nach wäre es sinnvoller, ihr einen Weg aus dem Laufrad aufzuzeigen.

Todesangst hat jeder. Frage ist ja, warum sie ständig ihre Aufmerksamkeit drauf halten muß und vor was sie sich in Wirklichkeit bedroht fühlt

Alex

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon Alex » Di 27. Jun 2017, 21:55

Genau und ich denke deswegen hat die Therapeutin das gesagt. Ohne was zu machen kann sich auch nix ändern. Es wird schon seinen Sinn haben wenn ein Therapeut sowas sagt, der macht das ja nich aus Spaß sondern damit es uns besser geht. Ich denke wenn es nichts bringen würde, würde so was auch nicht vorgelschlagen werden?!

capi

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon capi » So 2. Jul 2017, 20:17

dein Wort in Gottes Ohr. ;)

Manche Therapeuten scheinen aber vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen.

Alex

Re: Krankheits- und Todesängste - "Sterben" als Therapie

Beitragvon Alex » So 9. Jul 2017, 11:54

Na ich denke das ist aber eher die Ausnahme!!






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