die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Weitere psychische Störungen, Erkrankungen, Symptome
GonewiththeWind

die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon GonewiththeWind » Fr 6. Jan 2017, 11:23

Seit einigen Jahren ist man auf die Menschen aufmerksam geworden, die den zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1945 miterlebt haben.
Bei den meisten dieser Menschen kam es zu Angststörungen und anderen psychischen Störungen, die sich auf ihr ganzes Leben auswirkten.

Ich bin ein solches "Kriegskind".
Krieg - Flucht - Armut - ebenfalls kriegsgeschädigte und daher psychisch kranke Eltern ... Nichts konnte jemals repariert werden.

So bin ich heute, der ich bin.

Gibt es hier noch andere Menschen, für die solches zutrifft?
Wie geht Ihr damit um?
Könnt Ihr darüber sprechen?

Plus

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon Plus » Mi 11. Jan 2017, 08:47

70+ User/innen sind hier eher selten vermute ich mal.

GonewiththeWind

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon GonewiththeWind » Mi 18. Jan 2017, 10:13

Ach so -, schade.
Hätte gern ein bißchen diskutiert.
Manche könnten für diesen Zusammenhang ja auch vielleicht etwas von ihren Eltern berichten.

Also weg mit dem Thema. :(
Danke.

Yedi

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon Yedi » Mo 30. Jan 2017, 12:42

Nicht generell so dünnhäutig :!:

Das Thema betrifft ja durchaus auch die "Kriegsenkel". Kriegsvergangenheit ist eben eine Vergangenheit über die nicht so gerne diskutiert wird ... aber da gibt es auch viele andere Themen ...

Nicht verzagen ...

Brownie70

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon Brownie70 » Di 31. Jan 2017, 10:23

Hi Gonmewiththewind... Deine Welt ist die meiner Eltern und ich wäre bereit, mich mit Dir auszutauschen. Allerdings privat.

grummel

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon grummel » Do 2. Feb 2017, 19:09

Mein Vater ist Jahrgang 29.
Jahrelang hat er nie etwas erzählt. Er hat seine Erinnerungen in einem kleinen Buch festgehalten, es mit selbstgemalten Bildern illustriert.
Wie kann man überhaupt ein normales Leben weiterführen nach solch einer Kindheit/ Jugend.....

Mein Vater hat eine unendliche Angst vor Silvesterknallern, vor Schüssen jeder Art, vor Bombenentschärfungen...
Letztes Jahr im Januar explodierte hier, nahe bei unserem Haus, eine Bombe aus dem 2. Weltkrieg als eine Firma Schutt auf einen LKW baggerte. Schrecklich!
Mein Vater war danach mehr als verstört, für ihn war es nicht nur diese eine Bombe, sondern er erlebte die grauenvollen Bombenangriffe von damals in seiner Vorstellung immer wieder, das ging wochenlang so.
Mich würden Einzelheiten aus dieser Zeit schon interessieren, aber ich vermeide es ihn darauf anzusprechen, es würde ihn viel zu sehr aufwühlen.

GonewiththeWind

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon GonewiththeWind » Mo 6. Feb 2017, 08:35

@Brownie70: Danke für das Angebot, aber mir gefällt es hier im anonymen Forum.

@grummel
Das berichtete mir dieser Tage auch eine Dame von ihrem eigenen Vater.
Nicht jeder aus dieser Generation kann darüber sprechen.
Es wühlt auf - und kann im schlimmsten Fall zu Panik-Attacken führen.

Ich kann darüber sprechen.
Vielleicht - weil ich es durch biografische Aufzeichnungen geübt habe.
(Meine Biografie trägt den Titel: "Stacheldraht und Rosenkränze". Wobei jedes dieser beiden Wörter von doppelter Bedeutung ist.)

grummel

Re: die Kriegskinder -Biografie

Beitragvon grummel » Fr 10. Feb 2017, 07:24

Hast du deine Biografie veröffentlicht?
Mein Vater hat das, was er niedergeschrieben hat, nur für uns Kinder gemacht und vermutlich auch um sich alles ein bisschen von der Seele zu schreiben.
Er hat zwei Brüder im Krieg verloren, war selbst lange in Gefangenschaft.
Kürzlich erzählte er, wie man sie auf offenen Viehwaggons bei Minus 16 Grad transportiere. Einfach so, weil es ihm anscheinend grad in den Kopf gekommen war. Ich mag mir gar nicht ausmalen welche Träume er oft hat...
Ich glaube, so etwas kann man niemals ganz verarbeiten.

GonewiththeWind

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon GonewiththeWind » So 19. Feb 2017, 10:45

Ich habe meine Biografie auch nur für meine Kinder geschrieben.
Inzwischen ihnen auch manches erzählt.

Gerade kürzlich beschrieb ich meinem Sohn - angeregt durch ein Foto aus einem großen Bildband - mein entsetzliches Erleben und meine psychischen Qualen, als wir auf der Flucht aus Schlesien vom Zug aus den Angriff auf Dresden mit ansehen mußten, der in dieser Nacht diese Stadt zerstört hat.
Ich war noch keine 10 Jahre alt.

GonewiththeWind

Kriegsenkel

Beitragvon GonewiththeWind » Do 23. Feb 2017, 22:02

Ich fand letzthin einen interessanten Artikel über "Seelische Verletzlichkeit liegt in den Genen".
Wörtlich: "Wie sehr ein Kind leidet, scheint auch durch seine Erbanlagen bestimmt zu sein."
Quelle: Pressemitteilung der Duke University (http://today.duke.edu/2015/01/vulnerable)

Vererbt man demnach mit seinen Genen die Veranlagung zu psychischen Störungen?
Wie ist das also mit den "Kriegsenkeln"?

Vielleicht war es - für mich - doch nicht so gut, dieses Thema hier einzusetzen: habe jetzt gräßliche Magenschmerzen.

Yedi

Re: Kriegsenkel

Beitragvon Yedi » Mo 27. Feb 2017, 17:46

Viel Angst liegt in den Genen ...

Über den tatsächlichen Anteil streiten die Gelehrten ja seit Jahren. Bzgl. der Kriegsenkel gibt es auch einiges zu lesen

GonewiththeWind

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon GonewiththeWind » Di 7. Mär 2017, 20:09

Wen es interessiert:
Literatur (unter vielen anderen):

Schmidbauer, Wolfgang
Er hat nie darüber geredet
Das Trauma des Krieges und die Folgen für die Familie

"Oft wirkten sie seltsam verstimmt, überreizt, hielten die Lebenslust ihrer Kinder nicht aus - die Heimkehrer des Krieges. Extreme seelische Belastungen erzeugten ein Trauma mit weitreichenden Folgen - »das Trauma des Krieges wirkt auch in den Frieden hinein«, so Wolfgang Schmidbauer. Eindrucksvoll zeigt er, wie die deutsche Gesellschaft auch noch heute tiefgreifend von dem kollektiven Trauma des Zweiten Weltkrieges geprägt ist.

Anhand von vielen Fallbeispielen zeichnet er die verschlungenen Wege des Traumas in den Familien nach. Er erklärt, warum Beziehungsprobleme, Depressionen oder Arbeitsstörungen von heute erwachsenen Söhnen und Töchtern oft darin ihre Wurzeln haben und wie dennoch vor diesem Hintergrund Heilung gelingt."

grummel

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon grummel » So 12. Mär 2017, 09:52

Ja, ich hab auch schon gehört, dass die Anlage zu Ängsten oder überhaupt psychischen Störungen teilweise vererbt wird.
Mein Vater ist eigentlich überhaupt kein ängstlicher Mensch, darum konnte er ja auch nie mit meinen Ängsten umgehen. Die Ängste, die er im Krieg ausgestanden hat, das sind ja ganz realistische Ängste, die wohl jeder Mensch in einer solchen Situation hat.
Meine Mutter war da schon eher ein sehr unsicherer Mensch, sie litt vermutlich unter Ängsten, die sie aber nie und nimmer vor meinem Vater zugegeben hätte. Damals sah man ja ohnehin derartige Probleme als Hirngespinste an oder man war eben verrückt.
Meine Tochter (sie ist jetzt 30) leidet unter Mutismus. Scheint also tatsächlich bei uns in den Genen zu liegen.

Übrigens, auch meine Eltern sind aus Schlesien geflüchtet.

GonewiththeWind

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon GonewiththeWind » Fr 17. Mär 2017, 22:18

"Mutismus" - tritt diese psychische Störung nicht bereits im frühen Kindesalter auf?
Hat man Deiner Tochter nicht helfen können? Wie geht es ihr heute?

***
Meine Tochter hat keine Ängste.
Mein Sohn hat extreme Flugangst in Eigenleistung erfolgreich bekämpft. Allerdings immer nur für einen Flug. Beim nächsten geht es dann wieder los.

grummel

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon grummel » Mi 22. Mär 2017, 13:42

Die Form von Mutismus unter der meine Tochter leidet, begann erst in der Pubertät. Sie redet nur mit allen Menschen aus der Familie nicht, mit mir immerhin ein wenig.
Mit Freunden und Vorgesetzten etc. redet sie normal, jedenfalls soweit mir bekannt.
In der Pubertät hat sie leider zuviel von meiner Erkrankung mitbekommen, das hat wohl auch Spuren hinterlassen.
Für mich ist sie immer noch der wichtigste Mensch in meinem Leben, auch wenn ich nur noch wenig Kontakt zu ihr habe.

Flugangst habe ich auch, aber das ist nicht schlimm, ich fliege sowieso nicht.

GonewiththeWind

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon GonewiththeWind » Mi 29. Mär 2017, 10:51

So geht es mir mit meiner Tochter auch :heul:

Ich habe auch noch einen Sohn.

Beide liebe ich -, aber jeden anders:
ER ist mein Kamerad.
SIE ist mein Baby.

GonewiththeWind

Angst und ihre Folgen

Beitragvon GonewiththeWind » So 2. Apr 2017, 19:55

Gestern und heute bis vorhin hatte ich einen extremen Panik-Zustand.
Manchmal frage ich mich, ob man durch so etwas einen Infarkt (Herz oder Hirn) bekommen könnte.

Es ging um dieses:
Ich habe meiner Tochter bereits zu ihrem Geburtstag ein Geschenk gemacht sowie vorgestern eine ecard verschickt.
Keine Reaktion. Kein Reaktion. Keine ............................
Ich bin fast verrückt geworden: was ist dort los?
Gegrübel: anrufen und stören? Den muffeligen Partner anrufen, der inzwischen ganz woanders wohnt? Meinen Sohn anrufen, ob er Kontakt hatte? Dort anrufen, wo sie arbeitet, ob man sie sprechen könne?
Das hieße, Leute belästigen, obwohl vielleicht alles in Ordnung ist!?
In den Polizeiberichten vor Ort suchen?

Heute dann endlich gegen Mittag eine ecard mit ein paar kurzen (Dankes- und Beruhigungs-)Worten.
Nur kurz?
Sie ist bipolar - und möglicherweise wieder in einer depressiven Phase. :heul:

Wie ich weiter oben schrieb:
Angst hat sie nicht. Aber ihre (nicht heilbare) Erkrankung ist mindestens ebenso schlimm.
Sie betreut als Diplom-Sozialpädagogin Borderliner. Die betreuten Menschen lieben sie.

***
Ich mußte "es" los werden.
Vielleicht kann ich mich nun nach und nach wieder etwas entspannen. :nachdenk:

grummel

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon grummel » Mo 10. Apr 2017, 22:09

das tut mir leid! Vor allem, ich kann es so gut nachempfinden.
Wieviele SMS habe ich meiner Tochter schon geschrieben ohne eine einzige Antwort zu bekommen, ecards kommen zurück... erst wenn ich schreibe, dass ich es nicht mehr aushalte vor Sorgen und sie am nächsten Tag anrufen werde, dann kommt eine kurze Nachricht mit der Mitteilung: hallo Mama, wie geht es dir? Mir geht es gut.
Wenige Worte nur, aber ich empfinde dann jedesmal so etwas von Erleichterung.
Sie wohnt nur eine halbe Stunde von mir entfernt, aber ich besuche sie nicht, sie würde mir ohnehin nicht die Tür öffnen.
Anrufe tue ich sie auch nicht, das würde ich genauso als stören empfinden wie du.

Ich mache mir auch, so wie du, unglaubliche Sorgen um Kind. Vor allem weil sie auch noch eine schwere Muskelerkrankung hat. Aber was können wir machen?
Manchmal schreibe ich meiner Tochter Briefe, die ich mit der Post schicke, da schreib ich mir dann alles von der Seele und immer wieder auch, dass ich sie liebe, egal wie sehr sie sich auch zurückzieht.

Sei nicht traurig! Auch deine Tochter liebt dich - auf ihre Weise eben.

GonewiththeWind

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon GonewiththeWind » Fr 14. Apr 2017, 18:16

Sie hat zu sehr mit eigenen Problemen zu kämpfen. Deswegen würde ich sie auch niemals bedrängen.

Aber einmal - vor längerer Zeit, als sich die Diskussionen um die "Kriegskinder" in den Medien ausbreiteten - schrieb sie so etwa, sie könne mich jetzt erst verstehen - und wörtlich: "Es muß furchtbar gewesen sein."

Es muß aber auch für sie schlimm gewesen sein, sich meinen angstbedingten Fehlern bei der Erziehung meiner Kinder ausgesetzt zu sehen.

Lilie

Re: die Kriegskinder - Psyche, psychische Störungen

Beitragvon Lilie » Di 18. Apr 2017, 16:57

Meine Oma.
Ich Interesse mich sehr für Geschichte. Und sie hat den Krieg miterlebt. Und jedes mal wenn sie darüber spricht weint sie. :(
Es tut mir dann auch immer sehr weh wenn sie erzählt was sie erlebt hatte damals...ich heul dann meist auch (Nah am Wasser gebaut- viele sagen ich hätte es von ihr :) )


Schlimm ist es an Geburtstagen dann weint sie viel. Silvester nimm ich sie immer fest in den Arm weil sie richtig Angst bekommt und weint, da das knallen der Feuerwerkskörper sie an die Bomben im Krieg erinnern.





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