Extreme zwanghafte Gedanken

Zwanghaft

Extreme zwanghafte Gedanken

Beitragvon Zwanghaft » Di 24. Okt 2017, 09:57

Liebes Forum, bin im Moment absolut nervlich am Ende und froh, hier mit Leuten „sprechen“ zu können, die mich verstehen.

Meine Vorgeschichte: Mit 17 Jahren bekam ich die ersten aggressiven Zwangsgedanken, als mein erster Freund und ich mit dem Moped durch extremen Nebel fuhren, ich unter dem Helm plötzlich glaubte, keine Luft mehr zu bekommen und sich Panik breit machte. Und Sekunden später war dieser Gedanke da, aus dem Nichts, ich könnte meinem Freund was antun. Jeder „normale“ Mensch hätte diesen Gedanken gar nicht ernst genommen, aber er machte mir sooo viel Angst, dass ich mich richtig reingesteigert habe und die ganze Nacht weinend im Bett verbrachte.

Will das Ganze jetzt ein wenig zusammenfassen. Bekam mit 17 dann vom Neurologen ein leichtes Beruhigungsmittel, den Namen weiß ich nicht mehr, gegen den Zwangsgedanken half es jedoch nicht.
Im Laufe der Zeit konnte ich gut mit dem Gedanken leben, irgendwann war mit dem Freund Schluss, ich lernte meinen Mann kennen, die Zwangsgedanken waren verflogen, das Beruhigungsmittel hatte ich schon lange abgesetzt.

Dann wurde ich mit 21 schwanger und alles war so großartig, die Liebe zu meinem Mann so stark, aber mein „Gehirn“ wollte mir mein Glück nicht gönnen. Mein Mann hatte in meiner Schwangerschaft Spätdienst, ich war abends immer allein zu Hause und dann kam der Gedanke: Das Kind ist ja gar nicht von Deinem Mann, sondern von jemanden anderen. Ich wusste, dass ich meinen Mann nicht betrogen hatte, musste aber jede Sekunde mit kränkenden Gedanken allein Nacht für Nacht verbringen.
Kurz nach der Geburt hielt der Gedanke noch etwas an und verflog dann nach ein paar Wochen genauso schnell, wie er gekommen war. Alles war wieder wunderschön, meine Tochter war mein Highlight, mein Ein und Alles, aber wir mussten umziehen, die Wohnung war leider zu klein.

Also Umzug, meine Tochter war mittlerweile 2 Jahre alt, und ich saß irgendwann mit ihr zusammen im Kinderzimmer und dann hatte ich die größte Panikattacke meines Lebens: Ich könnte jetzt ja in die Küche gehen, ein Messer holen und meine Kleine umbringen. Ich glaube nur Menschen, die selbst Kinder haben, können dieses Gefühl nachvollziehen, wie grausam das ist.
Zudem war ich zu dieser Zeit auch sehr depressiv, da sich abzeichnete, dass meine Ehe gescheitert war. Habe dann professionelle Hilfe bei einem Neurologen gesucht, wir haben einige Antidepris ausprobiert und letztendlich war Trevilor die richtige Wahl.

Nehme Venlafaxin nun seit 13 Jahren, unter Kontrolle meines Arztes habe ich schon öfters versucht, ob es auch ohne geht, aber es kommen psychotische Depris, wenn ich das Med nicht nehme. Werde also Zeit meines Lebens mit Venlafaxin leben müssen.

Mir geht es mit Trevilor seit fast 13 Jahren super, keinerlei Nebenwirkungen... nehme alle 2 – 3 Tage 150 mg. Keine Zwangsgedanken, keine Depris, nix psychotisches.
Soweit so gut. Jetzt habe ich vor 2 Wochen auf Grund eines zu hohen Blutdrucks Ramipril verschrieben bekommen. Muss täglich 2,5 mg nehmen.

Kann sehr schlecht einschlafen, dann mach ich meinen Laptop an und ich hör am liebsten Dokus, über die Welt, die Philosophie, das Universum, sozusagen als Hörbuch, ich schau nicht, sondern hör nur.
Ein Beitrag von Harald Lesch, nachts um 3 Uhr, hat mich wieder dazu veranlasst, Angstzustände zu bekommen. Er hat mir in den Kopf gesetzt, ob die Wirklichkeit eine Täuschung ist. Normalerweise dürfte mich dies mit meinen Meds nicht in Panik versetzen. Am nächsten Tag nachdem ich die Sendung „gehört“ habe, ging ich beim Aldi einkaufen und ich dachte ständig, ob die Leute, die da mit mir einkaufen, nicht nur eine optische Täuschung sind, evtl. befinde ich mich nur in einem großen Spiel , wie bei Matrix und was ich erlebe, ist nur eine Illusion und ich bin eigentlich ganz alleine und alle „anderen“ Menschen um mich herum sind nicht echt. Eine richtige Verschwörungstheorie, der ganz besonderen Art.

Kann es sein, dass Ramipril da mitspielt, ich habe jedoch im Internet nichts dazu gefunden.

Der Gedanke, dass evtl. höher stehende Wesen meine Welt um mich herum erschafft haben belastet mich mehr als der Zwangsgedanke den ich hatte, meiner Tochter was anzutun.
Ich weiß ja, dass das Unsinn ist, aber der Gedanke daran macht mir so viel Angst, dass ich in Panikattacken verfalle.
Sag dann immer zu mir: Auch wenn ich versuche, die Welt zu hinterfragen, würde ich keine Antwort darauf bekommen. Der einfachste Weg ist also, die Dinge so hinzunehmen, wie sie sind. Wenn man die Existenz der Welt in Frage stellen würde, käme einem das Leben sinnlos vor. Aber solange man das Leben, das man wahrnimmt, genießen und bestimmen kann und es real erscheint, spielt es eigentlich keine Rolle, ob es Illusion oder Wirklichkeit ist.

Mir macht es aber richtig Angst, wenn ich mir vorstelle, dass mein Leben nur Illusion bzw. keine Wirklichkeit ist.
Werde jetzt auch aufhören, mich extrem für Philosophie und Astronomie zu interessieren. Tut mir nicht gut.

Witzig ist ja, dass ich jeglichen Verschwörungstheorien gegenüber skeptisch bin und oftmals nur den Kopf schüttel, was manche VS-Theoretiker so von sich geben, auch halte ich als überzeugte Atheistin die Bibel für ein von Menschenhand geschriebenes Märchenbuch, aber das ist ein anderes Thema.

Und gerade ich bekomme plötzlich Panikattacken beim Einkaufen, weil mir Gedanken durch den Sinn gehen, dass all die anderen Menschen um mich herum nicht "echt" sein könnten und ich mich in einem großen Computerspiel befinde, so wie bei SecondLife? :haareraufen: Die dümmste Verschwörungstheorie aller Zeiten.

... aber über Antworten würde ich mich freuen...
Anni

Lilian

Re: Extreme zwanghafte Gedanken

Beitragvon Lilian » So 29. Okt 2017, 07:11

Die Messer-Zwangsgedanken hatte ich auch zu Beginn meiner Angsterkrankung (ist schon 20 Jahre her), bei mir fokussierte sich das auf Familienmitglieder und weitete sich auf meine Tiere aus. Dein Entsetzen darüber kann ich also gut nachvollziehen. Irgendwann hat sich das dann ausgeschlichen bzw. hin zu anderen Dingen und Symptomen verlagert. Was mir am meisten half, war ein Aufenthalt im KH, wo zwei andere Mädchen sich beiläufig über dieses Phänomen unterhielten- als ich merkte, dass so etwas nicht unverbreitet ist und keiner davon zum wilden Axtmörder wurde ;), schwächte sich das komplett ab.

In letzter Zeit sind diese Gedanken wieder da, so ganz am Rande. Ich wundere mich, nach sovielen Jahren (ca. 15) der Nichtexistenz, aber nehme das mal so hin.

Das andere, das Ding mit der Matrix, könnten auch eher Derealisationsgefühle als Zwangsgedanken sein. Als Teenager, vor meiner Krankheit, hatte ich manchmal das Gefühl der Himmel sei viel zu weit, viel zu hoch, und mir wurde schwummerig und alles wirkte irreal und fremd, als sei es eine Kulisse. Daran erinnert mich das gerade ein wenig.

Fee

Re: Extreme zwanghafte Gedanken

Beitragvon Fee » Di 7. Nov 2017, 21:48

Ja, diese Form der Zwangsgedanken kenne ich auch zur Genüge und sie machen einen mitunter fix und fertig, wenn man es nicht schafft, sie loszulassen. Gerade auch, wenn es gedanklich die Kinder bertrifft. :-(

Vielleicht kannst du registrieren, dass du in all den Jahren nienienie einer Fliege etwas zu leide getan hast und wohl auch nie tun wirst. Zwangsgedanken sich auch ein Angstsymptom, viele reden aus Angst gar nicht darüber.

Wenn man Filme wie Matrix und Co schaut und drüber nachdenkt und feststellt, im Prinzip könnte es ja so sein, kann das unsereins schon in Panik versetzten.

Ein gesunder Mensch schaut sich unter der Prämisse die Umwelt an, ist fasziniert davon und sagt sich am Ende: was solls, ich bemerke es ja nicht! Und damit hat er ja recht. Selbst WENN es so wäre, was würde es wirklich ändern? Du weißt es nicht, bemerkst es nicht, Deine Welt ist so stimmig und du wirst es auch nie herausfinden.

Mir hilft in solchen Phasen immer das GedankenstopPrinzip oder die Methode einen Gedanken zuzulassen, ihn zu betrachten und dann ihm nachzuchauen, wie er vorbei zieht und weg ist. Und dann zur Tagesordung übergehen. Nicht vorwärts denken, nicht zurückschauen und sich auf den Augenblick konzentrieren. Denn nur diesen kann man wirklich leben und beeinflussen.

Mit ein wenig Übung geht das recht oft ganz gut.

An Zwangsgedanken habe ich schon zum Messer geriffen, Leute erstickt, auf sie eingestochen, sie übelst verhauen, irgendwo runtergestoßen etc.pp. Bisher gehts noch allen gut um mich herum.

Andromeda

Re: Extreme zwanghafte Gedanken

Beitragvon Andromeda » So 11. Feb 2018, 02:55

Liebe Anni!

Ich hoffe, du schaust hier nochmal rein. Ist ja schon ein paar "Tage" alt dieses Thema.

Ich tippe auch eher auf Derealisation. Evtl. auch Dissoziation.

Der Nebel auf der Mopedfahrt liest sich für mich als der (erste) Auslöser. Denn Nebel hat auch was von "Unwirklichkeit" und dergleichen.
Wenn man herausfinden kann, was dieser Nebel genau reaktivierte, dann kann man womöglich die Ursache aufdecken.
Auf jeden Fall spielt dieser Nebel eine tragende Rolle ... und die auf dem Fuße folgende Erstickungspanik unter dem Helm.
Über diese Nebelstelle bin ich sofort "gestolpert" bzw. an dieser sofort hellhörig geworden. Meine Pulsfrequenz stieg auch kurzfristig an, etwa wie bei so einem "Aha!"-Effekt.

Was mir noch auffällt, ist, dass es vermutlich keine Rolle spielt, welcher Mensch bei so einem Verfremdungsgefühl gerade in deiner Nähe ist. Diese Gedanken, dem Menschen etwas anzutun zu müssen, ob mit Messer oder etwas anderem, scheinen mit diesen Verfremdungsgefühlen in Verbindung mit Panikattacken zu tun zu haben. Der Mensch, der dann gerade in deiner Nähe ist - Freund, Tochter, Mann, ... vielleicht auch ein Fremder, usw. - ist dann nur die gedankliche "Zielscheibe".

Meine Idee ist, dass es irgendwann in ganz jungen Jahren ein schlimmes Erlebnis gab, das sich noch im Verborgenen befindet, du also keinen Zugang dazu hast, keine (direkte) Erinnerung. Dieses Abspalten schlimmer Erlebnisse ist ein Schutzmechanismus des Körpers/der Psyche. Im limbischen System, dem Steuerzentrum für Emotionen, wird jedoch alles lebenslang gespeichert. Daher reagiert man beim Wiedererleben bestimmter Situationen zwar in irgendeiner Form emotional (Aggressivität ist auch eine Emotion), ... hat aber keine Erklärung, weil man keine Erinnerung an ein mögliches schreckliches Erlebnis hat.

Irgendwas ist mit diesem Nebel. Er ist der Auslöser, ... nicht die Ursache.

Ich bin kein Fachmann bzw. keine Fachfrau, habe u.a. eine "mittelgradige" BPS und eine AD(H)S. Meine Kenntnisse habe ich mir im Laufe meines Lebens (durch Therapieerfahrung und bspw. Lesen) so angeeignet. Aktuell befinde ich mich in einer besonderen Verhaltenstherapie.

Liebe Grüße von
Andromeda






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