Unterstützung des Forums - Wichtiger Hinweis!

Forumsperre ab dem 15.06.2019

Macht eine psychiatrische Diagnose sinn?

User13

Macht eine psychiatrische Diagnose sinn?

Beitragvon User13 » So 5. Mai 2019, 17:56

Hallo lieber Forum

Seit 4 Monaten befinde ich mich in psychotherapeutischer Behandlung ohne dass ich das Gefühl habe, dass ich mich besser fühle. Ich bin 21 Jahre alt und habe "selbstverletzendes Verhalten" (stark ausgeprägt die letzen Monate), viele destruktive Verhaltensmuster, neige zu Zwanghaftigkeit, Paranoia und dissoziativem Verhalten. Zwischendurch finde ich mich klasse, dann wieder sch...e.

Nun zur eigentlichen Frage: Macht eine Diagnose sinn?
Meine Psychiater findet eine Diagnose unzweckmässig, einerseits, weil ich mich damit identifizieren könnte und andererseits, weil es "nur" eine Diagnose ist, bzw. "keine Individualität zulässt", sofern ich das richtig verstehe. Ich fühle mich damit jedoch sehr unwohl, habe das Gefühl, dass ich ohne Diagnose nicht weitermachen werde (jedes mal stelle ich mir die Frage was mir die Ganze Psychotherapie eigentlich nützt) und bin wütend auf meinen Therapeuten, dass er mir keine Diagnose geben will (davon weiss er bereits).
Natürlich bin ich mir bewusst, dass keine Diagnose auf jemanden zu 100% zutreffen kann!
Ich könnte mir aber vorstellen, dass mir eine Diagnose nützt abzuwägen, welche Verhaltensmuster auf mich zutreffen und mich von anderen Menschen unterscheiden. Ausserdem könnte ich die Therapieansätze etwas genauer anschauen und mich vielleicht einfach bisschen besser fühlen, weil ich wissen würde, dass sowas nicht "normal" ist aber diagnostisch bekannt.

Macht es für jemanden von euch Sinn, dass er mir keine Diagnose gibt bzw. gibt es hier Menschen mit Therapieerfahrung (eventl. Borderline- Störung- Betroffene) die mir einen Rat geben können betreffend der Erfahrung eine Diagnose zu bekommen?

Ps: meine Absicht liegt nicht darin, jemanden hier zu besorgen!
Besten Dank und liebe Grüsse

Amo

Re: Macht eine psychiatrische Diagnose sinn?

Beitragvon Amo » So 5. Mai 2019, 20:12

Hi User13

Einerseits ist das echt ein guter Ansatz von deinem Arzt. Weil es wirklich sein könnte, dass dich Diagnose kränker macht, durch Erwartungen. Ich fände es gut wenn ich niemals eine Diagnose bekommen hätte. Manchmal wird man abgestempelt und ich finde mittlerweile, dass man eine Diagnose langsam zusammen erarbeiten sollte. Denn es gibt tatsächlich Überschneidungen. Du hast ja Symptome und diese sollen ja umgangen oder kontrolliert werden. Das mit den Ansatz der Individualität finde ich großartig. Ich würde mich freuen wenn ich mit so einen Psychotherapeut arbeiten könnte. Stell dir vor du bekommst nach 15 Minuten beim ersten Besuch eine Diagnose und die findest du nicht richtig und die bleibt einfach egal was du erzählst.

Andererseits verstehe ich dich. Was habe ich denn? Es gibt Borderline. Es gibt Angststörungen. Es gibt Manische-Depression, auch Bi-polar genannt mit verschiedene Stufen und Arten. Was macht mich anders?

Meine Meinung ist das es selten ist, dass sowas vorkommt und ich finde es fortschrittlich. Ich kenne Leute, die allein wegen das Selbstverletzen als Borderliner galten aber total umgänglich mit anderen Menschen waren. Das Selbstverletzen muss nicht unbedingt Borderline sein. Und manche merkten, dass dann auch als sie mal nachlas, wie Borderline überhaupt klassifiziert wird.

Welche Verhaltensmuster auf dich zutreffen, kannst du bestimmt auch so herausfinden.

Ich wurde als Wahnhaft gehalten obwohl ich klar war und alle um mich rum nichts dergrleichen feststellen konnten, nur wegen einer 9 Jahre alten Diagnose.

Wenn du vielleicht Leistungen brauchst um bestimmte Angebote annehmen zu können, dann brauchst du eine Diagnose um die Finanzierung zu bekommen und da bin ich dankbar, dass mir wegen der Diagnose geholfen wurde.

Der Gedanke an das "Normale" kannst du knicken. Wie viele Narzisten oder Soziopathen leisten was in dieser Gesellschaft? Wie viele Borderliner sind nicht diagnostiziert? Ängstliche Menschen? Das gibt es nicht, dieses "Normal".

Und nochmal: Ich finde es großartig, dass dein Therapeut dich als Individuum sehen will. Das ist mir oder von Hören-Sagen von anderen noch nie passiert. (Hab zufällig viele Menschen aus dem Bereich kennengelernt)

Ich habe an mir selbst gemerkt, dass ich mich selbst für leicht Bi-Polar halte und auch unter Ävps leide und auch depressiv. Genau das ist es. Ich kann mit einer Diagnose nichts mehr angangen. Ich habe Einschränkungen in der und der Lebenssituation und diese Symptome und diese Probleme sind das Problem und nicht die Diagnose.

Forsche doch selbst nach. Lies viel über Krankheiten und schau auch hier im Forum nach denn hier sind viele Berichte. Du kannst auch noch zu anderen Ärzten. Es gibt auch Psychiater, die verschreiben auch Medikamente, wenn du dich dafür interessierst. Doch dabei Vorsicht.
Selbstreflexion finde ich ist ein geeignetes Mittel. Was glaubst du hast du? Liest du andere Berichte? Findest du dich wieder? Das sind nur hypothetische Fragen.

Liebe Grüße

User13

Re: Macht eine psychiatrische Diagnose sinn?

Beitragvon User13 » Mo 6. Mai 2019, 00:27

Hallo Amo und Co.

Hat kurz oder langfristig keinem eine Diagnose genützt?!?

oder liegt in meine Drang nach einer "einfachen Erklärung" bzw. einer Diagnose "um die Wogen zu glätten" der Fehler?

Die Borderline- Störung ist mein Fokus, weil nach ICD- 10 und DSM-IV bei Borderline fast keine Kriterien nicht auf mich zutreffen. Diese Muster fühlen sich richtig an und ich habe einen starken drang "endlich eine halbwegs einfache Erklärung" auf meinen Zustand zu erlangen, nur soviel, dass ich daran arbeiten kann (falls ihr es für wichtig haltet; unter dem gleichen Namen zum Thema "grundlose Suizidgedanken" steht mehr über mich in diesem Forum).
Es fühlt sich für mich einfach so an, als ob einem langsam der Boden unter den Füssen entgleitet und mein Therapeut mich hängen lässt.
Wahrscheinlich lässt er mich bewusst "hängen" damit ich einsehe, dass es Zeit braucht, aber es ist für mich kaum erträglich keinen Ankerpunkt zu haben. Ein Ankerpunkt könnte mir vielleicht eine Diagnose geben oder was meint ihr?
Mit einer Diagnose könnte ich konkret schauen, was auf mich zutrifft und wie andere damit umgegangen sind. Dasselbe gilt natürlich auch bei einzelnen Mustern, diese kann ich aber noch sehr schlecht auseinander nehmen geschweige den erkennen, weil ich ehr am Anfang stehe.


Liebe Grüsse

Maik

Re: Macht eine psychiatrische Diagnose sinn?

Beitragvon Maik » Mo 6. Mai 2019, 09:26

Diagnosen sind dafür da um zu kategorisieren und zu ordnen, weil das für manche Bereiche einfach notwendig ist (z.B. Abrechnung Krankenkasse). Es werden also teilweise hochkomplexe psychsiche Vorgänge auf etwas heruntergebrochen, was mehr greifbar ist als die Aussage: diese Person hat unbespezifische Beschwerden. Manchmal klappt das auch ganz gut, in anderen Fällen sicherlich nicht, weil die menschliche Psyche zu komplex für einen Stempel ist. Es kommt häufig vor, dass sich Krankheitsbilder überlappen, das man also Teile hiervon, Teile davon und Teile von dort drüben hat. Für all diese Teile für sich, isoliert betrachtet, gibts dann schon Diagnosen, jedoch nicht in ihrer Gesamtheit mit allen vorhanden Teilen (zu komplex und zu individuell um das mit einer Schublade abzubilden). Wenn ein Arm gebrochen ist, dann kann man das sehen und für jeden ist das glasklar und entsprechend auch die Diagnose. Für die Psyche ist das viel komplexer, es ist eben weitaus weniger häufig "glasklar".

Wenn dein Psychiater in deinem Fall keine Diagnose stellen will, obwohl er die Expertise hat das zu tun (und in anderen Fällen getan hat), dann hat das sicherlich seine Gründe. Naheliegend wäre (und das scheint er bislang auch so ausgedrückt zu haben), dass die starre Einordnung in ein bestimmtes Krankheitsbild/Störung seiner Meinung nach dir nicht gerecht werden würde. Hast du ihn denn schonmal gefragt, ob du seiner Ansicht nach Boderline hast oder jedenfalls Persönlichkeitsanteile die einer Borderline-Störung typischerweise entsprechen?

Amo

Re: Macht eine psychiatrische Diagnose sinn?

Beitragvon Amo » Mo 6. Mai 2019, 09:48

Hi User13

Hmmm...

Eine einfache Erklärung. Weiß nicht ob es das gibt.

Hast du dich testen lassen oder mal dich beobachtet ob du genug Nährstoffe zu dir nimmst? Ich habe aus eigener Erfahrung gemerkt, dass wenn ich zu wenig Kohlenhydrate zu mir nehme, ich sehr sehr gestresst bin und nicht zur Ruhe komme.

Funktioniert deine Schilddrüse nicht richtig? Bei einer Schilddrüsenunterfunktion kommt es auch zu Depression. Hängt es mit den Diabetes zusammen?
Ist das die einfache Erklärung auf dein sonst normales Leben? Du hast doch schon davon gehört oder?

Ich bin kein Arzt! Ich kann dir nur Vermutungen andrehen!

"Ähnlich wie beim Typ-1-Diabetes mit einer Fehlsteuerung des Immunsystems, kann es bei der Schilddrüse zu einer Zerstörung des Schilddrüsengewebes durch Immunzellen kommen, der Hashimoto-Thyreoiditis (Autoimmunerkrankung)."

Kein Plan. Lässt du deine Schilddrüse regelmäßig untersuchen? Kenn mich sonst damit absolut nicht aus. Wenn das komplett in die falsche Richtung geht. Dann tut es mit Leid.

Liebe Grüße

Stille85

Re: Macht eine psychiatrische Diagnose sinn?

Beitragvon Stille85 » Mi 8. Mai 2019, 17:59

Hey User13,

du darfst dich glücklich schätzen, einen Therapeuten an deiner Seite zu haben, der dir eine voreilige Diagnose verweigert, weil er ganz offensichtlich mehr daran interessiert ist, dir zu helfen, anstatt dich in ein Korsett zu zwängen, das den Namen einer Krankheit trägt.
Ein sehr feinfühliger Schachzug! :thumbup:

Ich kann deinen Wunsch nach einer Diagnose durchaus nachvollziehen, aber gerade im Bereich psychischer Erkrankungen, in dem Betroffene sowieso schon ein sehr labiles Selbstbild von sich und anderen haben, sehe ich auch die Gefahr gegeben, dass das Krankheitsbild schnell zum Teil der eigenen Identität wird, in der man schließlich für den Rest seines Lebens gefangen bleibt. So ähnlich wie ein Alkoholiker, der schon seit über 10 Jahren trocken ist, aber immer noch das Gefühl hat, Alkoholiker zu sein. Wenn man einmal das Konzept von „Ich bin Borderliner“ angenommen und akzeptiert hat, halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass in naher oder ferner Zukunft der Tag kommen wird, an dem man von sich aus sagt: „Jetzt bin ich kein Borderliner mehr!“ Wenn ich zum Zahnarzt muss, möchte ich einfach nur von meinem Schmerz befreit werden und mir keine Vorträge mit komplizierten Fachbegriffen anhören. Oder einmal angenommen, du hättest dir eine ganz normale Erkältung eingefangen. In dem Fall würdest du auch nicht auf die Idee kommen und behaupten „Ich bin die Erkältung!“, sondern man wäre sich bewusst, dass die Erkältung nur ein vorübergehender Zustand ist, der kommt und wieder geht. Spielt in dem Beispiel die genaue Diagnose für die Genesung eine wichtige Rolle? Wohl kaum, weil man sich nur um die Symptome wie Husten, Schnupfen und Gliederschmerzen kümmern muss. Und genau daran solltest du auch mit deinem Therapeuten arbeiten: Ursachen erkennen und beheben.

Wer wirklich gesund werden möchte, sollte sich nicht ständig einreden, krank zu sein, weil der Wille nach Heilung immer der erste und wichtigste Schritt auf dem Weg ist. Vielleicht erkennst du hier schon den großen Widerspruch, denn wie soll man wieder gesund werden, wenn man vom Gegenteil überzeugt ist? Der Knoten kann nicht gelockert werden, während man das Seil strafft. Und was bedeutet schon krank?
Sind alle Raucher potenziell suizidgefährdet, weil sie sich freiwillig Gift in ihre Lungen ziehen? Leiden tätowierte Menschen an SVV?
Sind alle Soldaten verrückte Psychopathen? Sind grölende Fans im Stadion von ADHS betroffen oder Extremsportler wahnsinnig, weil sie ihr Leben riskieren? Aus meiner Sicht bist du nicht krank, sondern leidest unter Symptomen, die ein wenig ausgeprägter sind als bei anderen Menschen, aber dafür solltest du dich nicht schämen, weil du bereits daran arbeitest und dich einem Therapeuten anvertraut hast, dem du nach meiner Einschätzung wirklich vertrauen kannst. Sei fest davon überzeugt, dass Besserung möglich ist, auch wenn es sich zurzeit nicht so anfühlt.
Was man noch nie erfahren hat, kann man sich auch nicht vorstellen und was man sich nicht vorstellen kann, ist unmöglich umsetzbar.
Die Tür, die uns den Weg versperrt, ist auch gleichzeitig der Ausweg in die Freiheit - alles eine Frage der Perspektive.
Vertraue von daher Menschen und Ärzten, die den Weg kennen.

Okay, spinnen wir das Szenario noch ein bisschen weiter und gehen davon aus, dass man dir eine Diagnose aufgedrückt hat. Was vorher nur ein paar zusammenhanglose Symptome waren, ist jetzt zu einer handfesten Krankheit geworden. Weil du jetzt endlich weißt, wer du bist und was dein Problem ist, möchtest du dich natürlich mit anderen Menschen austauschen. Je mehr Aufmerksamkeit die Krankheit bekommt, während die Ursachen vernachlässigt werden, desto mehr Macht bekommt sie und bestimmt früher oder später dein ganzes Leben. Gleichgesinnte werden kommen und dich im schlimmsten Fall darin bestärken, krank und hilflos zu sein. Der Übeltäter ist natürlich das Schicksal. Anstatt sich gegenseitig zu unterstützen, rechtfertigt und verteidigt man seine Krankheit, ohne sich dessen bewusst zu sein. Dann werden noch die persönlichen Weltbilder ausgetauscht, um auch wirklich sicher zu gehen, dass wir nicht mehr als zufällige Fleischklumpen sind und sowieso alles sinnlos ist. Und somit steigerst du dich immer weiter in einen Teufelskreis, dessen Ursache zu einem früheren Zeitpunkt hätte vermieden werden können.
So könnte es laufen, muss es aber nicht!

Verschwende also nicht deine kostbare Zeit und konzentriere dich ausschließlich auf das, was heilsam ist und lasse dich nicht von anderen Menschen runterziehen, die deine Heilung nur blockieren. Letztendlich ist es deine Entscheidung, welchen Weg du gehen möchtest und ob dir eine Diagnose wirklich so viel bedeutet. Vielleicht hast du ansatzweise verstanden, auf welche möglichen „Gefahren“ ich hinweisen wollte, die aber vermieden werden können, wenn du frühzeitig die Warnsignale erkennst. Ich wünsche dir jedenfalls alles Gute.

Grüße

PS: Das Krankheitsbild „Borderline“ war nur ein Beispiel und es möge sich hier niemand angesprochen oder gekränkt fühlen.
Diagnosen sind generell unbedenklich und in vielen Bereichen auch für den Patienten hilfreich, aber in erster Linie sind sie ein Leitfaden für Ärzte.
Nur meine persönliche Meinung ;)


Zurück zu „Forum: Psychotherapie & Kliniken“



cron